Die Liebe von Kindern zu ihren Eltern ist unkaputtbar

Ute Steffens

Erziehungswissenschaftlerin

„Identifikation mit dem Aggressor“ ist ein Phänomen, das in der psychoanalytischen Forschung beschrieben ist. Ganz knapp zusammengefasst ist damit die Beobachtung gemeint, dass misshandelte Kinder sich selbst die Schuld an körperlicher oder psychischer Misshandlung geben.

„Wenn ich Papa/Mama nicht so geärgert, gereizt hätte, dann hätten sie mich auch nicht geschlagen, dann hätten sie nicht so ausrasten müssen, dann würden sie mir nicht ihre Liebe entziehen.“ So könnte man beschreiben, was in Kindern vorgeht, bei denen sich dieses Phänomen beobachten lässt.

Im Umkehrschluss bedeutet dies für Kinder, die keine solchen Traumatisierungen erleiden müssen, dass  ihre Liebe zu ihren Eltern erst recht bedingungslos ist.

In meinem Elternratgeber „Mit Kindern durch die Trennung“ habe ich das folgendermaßen beschreiben:

„…Diese Studien kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass Väter den Umgang mit ihren

Kindern stark auf das Geschlecht abstimmen. Sie verlangen von den Söhnen offenbar

mehr Disziplin und gehen mit Mädchen beispielsweise bei Bewegungsspielen sanfter

um.

Auch sind Väter älteren Kindern ein Vorbild im Prozess des Selbstständigwerdens,

weil sie sich selbst stärker als die Mütter nach außen orientieren. Kinder und Jugend-

liche wenden sich weniger an ihre Väter, wenn es um private und emotionale Belange

geht. Väter bleiben jedoch auch für ältere Kinder Ansprechpartner für beispielsweise

schulische Belange. Interessant ist auch, dass Väter in dieser Befragung ihren Kindern

im Durchschnitt vier Jahre eher Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zutrauten als

Mütter, die etwa bei ihren sechzehnjährigen Kindern noch denselben Unterstüt-

zungsbedarf sahen wie Väter für Zwölfjährige.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Väter einen positiven Einfluss auf die

Entwicklung von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit haben und einen entschei-

denden Einfluss auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität nehmen. Väter sind für

Jungen ein wichtiges Vorbild, dem sie nacheifern, und für Mädchen ist die Bestäti-

gung und Anerkennung durch ihre Väter sehr, sehr wichtig. Außerdem prägen sie das

Männerbild ihrer Kinder.

 

Studien belegen, dass Väter auf eine andere Weise, nämlich eher spielerisch und mo-

torisch stimulierend, mit ihren kleinen Kindern umgehen. So kommt es, dass das Kind

an seinen Vater schon früh andere Erwartungen hat als an seine Mutter. Es bekommt

überdies durch den Umgang mit ihm zusätzliche Informationen über sich selbst und

die Welt. Ein engagierter Vater wird schon sehr früh als in gleichem Maße zum Kind

gehörend erkannt wie die Mutter, die, ebenfalls durch Studien belegt, eher die un-

mittelbare körperliche Nähe zu ihrem Kind pflegt und sich auf seine Gefühlsäuße-

rungen konzentriert…“