Ups, meine Eltern leben in Trennung

Für Euch gelesen

„Ich verstehe und begrüße Inke Hummels Absicht, Trennungseltern mit den Kindern ins Gespräch zu bringen. Das ist bestimmt gut gemeint, doch so, wie es dieses Buch versucht, ist das wenig hilfreich in dieser speziellen Krise.“

So sehr ich Inke Hummel und ihre pädagogische Arbeit schätze, es ist einfach nochmal ein anderer Blick auf ein Thema, wenn es mein Herzensthema ist, ein Thema, für das ich mir eine fundierte, fachwissenschaftliche Expertise erarbeitet habe.

Es waren große Hoffnungen, die ich mit ihrem neuen Buch  verknüpft habe, denn sie hat  – zumal als Spiegel-Bestseller-Autorin – eine Reichweite, von der ich nur träumen kann. Und Aufklärung, Information über diesen inzwischen zur gesellschaftlichen Normalität gehörenden, vorübergehenden Ausnahmezustand tut wirklich not!

So fiel mir schon beim Auspacken auf, worüber ich bei den Vorgänger-Büchern nicht gestolpert bin: „Ups…“

Das ist aber blöd, sagt da die Trennungsexpertin in mir, wenn man suggeriert, eine Elterntrennung käme so plötzlich! Denn jede Trennung hat ihre Vorgeschichte, und das spüren Kinder ganz genau. Ein Titel wie „Ups, meine Eltern streiten sich“, der wäre ok. Genauso wie „Ups, meine Eltern sprechen nicht mehr miteinander“, oder „Ups, auf einmal machen wir kaum noch was als Familie zusammen“.

Oft gehen einer Trennung nämlich viele Jahre voraus, in denen sich Eltern mit der Entscheidung quälen, ob es nicht besser wäre, sich zu trennen, und oft ist ihr Motiv, genau das nicht zu tun, dass sie ihren Kindern die „heile“ Familie nicht nehmen wollen.

Und noch eines fällt mir sofort ins Auge: Viel und bunt ist dieses Buch, überwältigend bunt, mit vielen Verweisen, Symbolen, Fähnchen, Kästchenpapier, Schriften in rot und schwarz. Ein richtiges Wimmelbuch. Auweia, das stiftet Verwirrung. Da steig selbst ich nicht durch. Dabei braucht es doch gerade in dieser Zeit nichts mehr als Klarheit.

„Viel hilft viel“ scheint hier das  Motto des Verlags zu sein. Doch leider nicht nur, was die Aufmachung betrifft, sondern auch inhaltlich, denn wie sonst ließe sich das Rezept für Zitronenkekse in diesem Buch erklären?

Doch eines will ich Inke wirklich lassen:  sie ist witzig und trifft den Nerv von 3 bis 10 Jährigen, wenn sie beispielsweise erzählt, dass man offenbar ganze Wörter wie „Sombrero“ rülpsen kann. Da habe ich sehr gelacht!

Nun aber zum Kern meines Unbehagens: Es scheint in der Elternschaft en vogue zu sein, sich dem Kind sprachlich zuzuwenden und Geschehnisse kognitiv zu begleiten.

Doch, nun mal ehrlich unter uns Ordensschwestern: Wie wollen wir Ereignisse angemessen kommunizieren, wenn wir selbst im Nebel stochern?

Eltern wollen alles richtig machen, Kinder brauchen bedürfnisorientierte Begleitung bei dieser Veränderung. Dazu braucht es Information über die besonderen Bedürfnisse von Trennungskindern. Bedürfnisse, die sich erst vor dem Hintergrund ihres Alters, ihrer jeweiligen Entwicklungsphase verstehen lassen.

Andernfalls projizieren wir! Jawoll. Und wir erwarten, vermuten, fragen uns, wünschen von Herzen… kurzum: wir versuchen eine Situation mit aller Macht zu kontrollieren, weil uns  vorübergehend das Vertrauen in uns selbst und unsere Kindern abhanden gekommen ist. Auch das ist typisch für eine Elterntrennung.

Und genau das führt dieses Vorlesebuch leider fort.

Es geht um Gefühle und zwischen den Zeilen um das Diktat, uns „gut“ fühlen zu MÜSSEN, ganz so, als ob wir Eltern in der Lage sein müssten, mögliche Probleme mit einem Handstreich wegzuwischen. Wie anders soll ich denn eine Überschrift wie „Ich hoffe, wir finden das Hopsekind wieder“ sonst verstehen?

Ich verstehe und begrüße Inke Hummels Absicht, Trennungseltern mit den Kindern ins Gespräch zu bringen.  Das ist bestimmt gut gemeint, doch so, wie es dieses Buch versucht, ist das wenig hilfreich in dieser speziellen Krise.

Mir fehlen hier Informationen für Eltern, die entwicklungsbedingten Missverständnissen ihrer Kinder vorbeugen, die Eltern und Kinder ernstnehmen und sich mit einer Elterntrennung fundiert und differenziert auseinandersetzen, anstatt ihn mit „Heile, heile Segen“ bei Zitronenkeksen wegzupusten wie den Kratzer nach einem Sturz.

Im Gegensatz zu vielen ihrer anderen Bücher (Rezensionen demnächst auf dieser Website) … auf jeden Fall und aus vollem Herzen ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ fünf Sterne für ihren Humor.