Die kindliche Entwicklung

Ich weiß nicht, wie oft ich es erlebt habe, dass entwicklungspsychologisches Wissen Eltern Angst und eine große Last nimmt , weil sie erkennen, dass das manchmal anstrengende Verhalten ihrer Kinder Ausdruck ihres Versuchs ist, sich entsprechend ihrer Möglichkeiten Erfahrungen und Wissen über sich selbst und die Welt anzueignen. Es entlastet sie, weil sie das kindliche Verhalten einordnen und verstehen können, anstatt es als “problematisch” oder “besorgniserregend” bzw. als Ausdruck ihres elterlichen Versagens zu interpretieren. Dies stärkt Eltern vor allem in Krisen enorm, wenn sie zwangsläufig an die Grenzen ihrer persönlichen Belastbarkeit kommen.

Entwicklung heißt Veränderung

Vielleicht stimmt es ja, was dieser Philosoph schon vor 2500 Jahren in die Worte fasste:
Das einzig Beständige ist der Wandel.
Es gibt im Chinesischen ein Schriftzeichen, das zugleich “Krise” und “Chance” bedeut. Veränderungen müssen verarbeitet und in unsere Weltsicht und unser Handeln integriert werden. Eine Weigerung, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen, führt unweigerlich zu einem Stillstand unserer persönlichen Entwicklung, weil diese Weigerung immer eine Abkehr von der Wirklichkeit beinhalt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Veränderungen, wenn wir uns ihnen stellen, auch immer unsere seelische und menschliche Weiterentwicklung fördern und vorantreiben.
  • Veränderung (über)fordern und sie fordern. Sie sind der Motor für jede Entwicklung, die ohne sie nicht möglich ist. Deshalb ist es so wichtig, sowohl die äußere als auch die innere Realität immer wieder zu überprüfen. So können wir uns selbst immer wieder neu ausrichten und an die Veränderung anzupassen.

Die ersten 3 Lebensjahre

"...Oft fragt Sarah, ob sie heute mit Papa schwimmen gehe, oder sie fragt: „Ist heute Sonntag?“ Das hat Jojo auf die Idee gebracht, ihr so einen altmodischen Abreißkalender zu kaufen. Den hat sie neben Sarahs Bett gehängt. Das Datum der Sonntage sei da immer rot gedruckt, und für Sarah sei das eine gute Orientierung. ..."

  • Kinder dieses Alters, so liest es sich aus den Statistiken, werden in Ein-Eltern-Familien überwiegend von der Mutter betreut.  In meiner Praxis erlebe ich, wie sehr alles andere Kinder diesen Alters überfordert. Das wichtigste für Kleinkinder ist  Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit sind. Wenn sich Väter darauf einstellen, dann können ihre Kinder trotzdem eine gute Beziehung zu ihnen aufbauen.

    Die Entwicklungsaufgabe des ersten Lebensjahres darin besteht, Urvertrauen zu entwickeln und die für das zweite und dritte Lebensjahr,  Selbstständigkeit zu erproben.

    Kleinkinder erleben auf dem Weg zu einem realistischen Selbstbild elterliche Grenzen oft als extreme Kränkung. Nichts anderes drücken die sogenannten „Trotzreaktionen“ und Wutanfälle aus. Sich selbst als Kind im Unterschied zu einem Erwachsenen zu erleben, ist eine so unermesslich wichtige Erfahrung für die gesunde kindliche Entwicklung, dass sie auch Kindern in Ein-Eltern-Familien möglich sein sollte.

Das Kindergartenalter  - die Drei- bis Sehsjährigen

"...Befragt man Dreijährige nach ihren Heiratswünschen, so antworten Mädchen in der Regel: „meinen Papa!“, und die Jungen: „meine Mama natürlich!"

  • Für Trennungskinder dieses Alters ist diese Situation besonders heikel. Wie wir bereits gesehen haben, neigen sie dazu, sich tendenziell für die Trennung ihrer Eltern verantwortlich zu fühlen. Erfahren sie durch eine einfühlsame Umwelt keine behutsame Auflösung dieses Schuldgefühls, so sind sie damit schon einmal grundsätzlich völlig überfordert. Wenn dann der Vater auch noch aus dem gemeinsamen Haushalt auszieht, dann kann man sich vorstellen, dass dies ihr Schuldgefühl einerseits noch steigern könnte, andererseits könnten gerade Jungen, die häufig mit der Mutter in einer Ein-Eltern-Familie leben, aber auch (so wie es für diese Entwicklungsphase typisch ist) so etwas wie einen stolzen, etwas größenwahnsinnigen Triumph empfinden, als Sieger aus der Konkurrenz mit dem Vater hervorgegangen zu sein, weil der das Feld räumt. ..." (aus: Ute Steffens, mit Kindern durch die Trennung- ein therapeutisches Lesebuch)

    Dieses Phänomen ist der zentrale Entwicklungsaufgabe für diese Altersgruppe, dem Erwerb der geschlechtlichen Identität geschuldet.

    Mütter erkennen schnell, warum sie den Wunsch ihrer Söhne, den Platz ihres Vaters einnehmen zu wollen, nicht erfüllen sollten. Sie verstehen vor diesem entwicklungspsychologischen Hintergrund, warum Jungen im Kindergarten dadurch auffällig werden, warum sie reizbar und neuerdings oft in Raufereien verwickelt sind. Kinder drücken ihre seelische Überforderung oft noch körperlich aus.

    Immer wieder erlebe ich, wie Eltern erkennen, dass ihre Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen ihrer Kinder sie auch mit  Erfahrungen aus ihrer eigenen Entwicklung konfrontiert und erklärt, warum sie oft so reagieren wie sie reagieren.

Das Grundschulalter  - die Sechs- bis Neunjährigen

Die wichtigste Entwicklungsaufgabe dieser Altersgruppe äußert sich in ihrem Wunsch, etwas „Richtiges“ tun zu wollen. Im Vergleich zum Kindergartenalter, wo sie noch damit beschäftigt waren, so „zu tun, als ob“, also viele Rollenspiele zu spielen, um zu erkunden, wie es sich anfühlen könnte, ein „richtiger“ oder eine „richtige Frau“ zu sein.

  • Viele Mütter sind frustriert, wenn sie ihre Rolle als „Alltagsmama“ mit den teils spektakulären Wochenenden beim „Sonntagspapa“ vergleichen aus diesem Grund erzähle ich ihnen dan gern die Geschichte vom „Langeweile-Ingo“. Denn Langeweile ist unglaublich wichtig für ältere Kinderarten – und Grundschulkinder.

    In diesem Alter verändert sich das Nachdenken über geeignete Betreuungsmodelle, da Kinder langsam selbstständiger werden und mit Veränderungen/Wechseln besser zurechtkommen.

Das mittlere Schulkindalter
(Die 9-13 Jährigen)

In dieser Zeit erkennen Eltern, dass der Wunsch nach Selbstbestimmung keineswegs zwangsläufig zu Konflikten führen muss, und dass Kinder zu überraschenden und kreativen Ergebnissen beitragen, wenn man sie an der Lösung von organisatorischen Problemen beteiligt, die aus der Trennung resultieren.

Die Pubertät
(die 14 -bis 30 Jährigen)

Ja, ganz recht: Bei Jungen, so sagen Studien, dauert die Pubertät schon immer etwas länger als bei Mädchen. Doch heute dauert sie manchmal tatsächlich bis 30.

In dieser Entwicklungsphase ernten Trennungseltern, was sie mit ihrer authentischen Kommunikation aus der Verantwortung der Elternrolle heraus gesät haben. Auch, wenn es Eltern manchmal so vorkommt, als interessierten sich ihre Kinder nicht die Bohne für ihre Meinung, sie irren gewaltig! Diese bleibt – wenn auch wenig honoriert – maßgeblich wichtig für ihre heranwachsenden Kinder. Dessen dürfen und sollten sich Eltern bewusst sein!

Uneinigkeiten zwischen den getrennten Eltern bekommen nun eine ganz neue Brisanz, wenn es z.B. um Themen wie Alkohol und Verhütung geht, und manche Kinder wollen es nun auch einmal ausprobieren wollen, wie es ist, beim anderen Elternteil zu leben.