Für Euch gelesen

Immer wieder freue ich mich über Kolleg:innen, die mir Rezensionsexemplare ihrer Bücher schicken. Nun habe ich hier endlich einen Platz geschaffen, an dem ich diese Fach- und Kinderbücher besprechen kann.

Bitte nehmt zur Kenntnis, dass es sich bei diesen Rezensionen nicht um „unbezahlte Werbung“, sondern um meine ganz persönlichen und fachliche  Auseinandersetzung mit diesen Texten handelt.

Nicht zu streng, nicht zu eng

„Hier liefert Inkes Ratgeber wichtige Basis-Informationen über Erziehungsstile und Bindungstypen, die sie mit Alltagsbeispielen veranschaulicht. Eltern werden sich bei der Lektüre klar über ihre persönlichen Ziele in der Beziehungsgestaltung zu ihren Kindern.“

Warum handle ich, gestalte ich die Beziehung zu meinem Kind, so, wie ich es mache?

Auch Eltern, deren Steckenpferd die Pädagogik bis zur Geburt des ersten Kindes nicht war, werden peu à peu zu Spezialisten, denn ihre Kinder sind ihnen, kaum auf der Welt, immer einen Schritt voraus. Kaum glauben sie, den Rhythmus ihres Babys zu kennen, hat der sich schon wieder verändert.

So bleibt gerade jungen Eltern nichts anderes übrig, als sich auf ihre Intuition und ihren gesunden Menschenverstand zu verlassen. Sie spüren, was ihre Kinder brauchen. Sie gestalten die Beziehung entsprechend ihrer Möglichkeiten.

Doch unerfahrene, frische Eltern, die nicht gerade Pädagogik studiert haben oder als pädagogische Fachkraft tätig sind, sind leicht zu verunsichern.

Ein missbilligender Blick, ein kritischer Kommentar von vermeintlich erfahreneren, „kompetenteren“ Beobachtern kann sie oft unverhofft aus der Bahn werfen.

Hier liefert Inkes Ratgeber wichtige Basis-Informationen über Erziehungsstile und Bindungstypen, die sie mit Alltagsbeispielen veranschaulicht. Eltern werden sich bei der Lektüre klar über ihre persönlichen Ziele in der Beziehungsgestaltung zu ihren Kindern. Sie erfahren, welche Verhaltensweisen Kinder verunsichern und unselbstständig halten, wo Kinder einer bestimmten Entwicklungsphase überfordert bzw. unterfordert sind und wie sie es anstellen, kindgerecht eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Kind zu gestalten.

Neben vielen Beispielen enthält das Buch viele Anregungen und Impulse, um das elterliche Verhalten zu reflektieren, um sich so seiner Ziele, Werte und Motive im Umgang mit den Kindern bewusst zu werden.

Am Ende können auch pädagogische Einsteiger allzu leichtfertige Kritik selbstbewusst parieren. Dafür gibt´s von mir ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ fünf Sterne.

Nicht zu streng, nicht zu eng

Kategorie
Ratgeber | Erschienen 2024

Ups, meine Eltern leben in Trennung

„Ich verstehe und begrüße Inke Hummels Absicht, Trennungseltern mit den Kindern ins Gespräch zu bringen.  Das ist bestimmt gut gemeint, doch so, wie es dieses Buch versucht, ist das wenig hilfreich in dieser speziellen Krise.“

So sehr ich Inke Hummel und ihre pädagogische Arbeit schätze, es ist einfach nochmal ein anderer Blick auf ein Thema, wenn es mein Herzensthema ist, ein Thema, für das ich mir eine fundierte, fachwissenschaftliche Expertise erarbeitet habe.

Es waren große Hoffnungen, die ich mit ihrem neuen Buch  verknüpft habe, denn sie hat  – zumal als Spiegel-Bestseller-Autorin – eine Reichweite, von der ich nur träumen kann. Und Aufklärung, Information über diesen inzwischen zur gesellschaftlichen Normalität gehörenden, vorübergehenden Ausnahmezustand tut wirklich not!

So fiel mir schon beim Auspacken auf, worüber ich bei den Vorgänger-Büchern nicht gestolpert bin: „Ups…“

Das ist aber blöd, sagt da die Trennungsexpertin in mir, wenn man suggeriert, eine Elterntrennung käme so plötzlich! Denn jede Trennung hat ihre Vorgeschichte, und das spüren Kinder ganz genau. Ein Titel wie „Ups, meine Eltern streiten sich“, der wäre ok. Genauso wie „Ups, meine Eltern sprechen nicht mehr miteinander“, oder „Ups, auf einmal machen wir kaum noch was als Familie zusammen“.

Oft gehen einer Trennung nämlich viele Jahre voraus, in denen sich Eltern mit der Entscheidung quälen, ob es nicht besser wäre, sich zu trennen, und oft ist ihr Motiv, genau das nicht zu tun, dass sie ihren Kindern die „heile“ Familie nicht nehmen wollen.

Und noch eines fällt mir sofort ins Auge: Viel und bunt ist dieses Buch, überwältigend bunt, mit vielen Verweisen, Symbolen, Fähnchen, Kästchenpapier, Schriften in rot und schwarz. Ein richtiges Wimmelbuch. Auweia, das stiftet Verwirrung. Da steig selbst ich nicht durch. Dabei braucht es doch gerade in dieser Zeit nichts mehr als Klarheit.

„Viel hilft viel“ scheint hier das  Motto des Verlags zu sein. Doch leider nicht nur, was die Aufmachung betrifft, sondern auch inhaltlich, denn wie sonst ließe sich das Rezept für Zitronenkekse in diesem Buch erklären?

Doch eines will ich Inke wirklich lassen:  sie ist witzig und trifft den Nerv von 3 bis 10 Jährigen, wenn sie beispielsweise erzählt, dass man offenbar ganze Wörter wie „Sombrero“ rülpsen kann. Da habe ich sehr gelacht!

Nun aber zum Kern meines Unbehagens: Es scheint in der Elternschaft en vogue zu sein, sich dem Kind sprachlich zuzuwenden und Geschehnisse kognitiv zu begleiten.

Doch, nun mal ehrlich unter uns Ordensschwestern: Wie wollen wir Ereignisse angemessen kommunizieren, wenn wir selbst im Nebel stochern?

Eltern wollen alles richtig machen, Kinder brauchen bedürfnisorientierte Begleitung bei dieser Veränderung. Dazu braucht es Information über die besonderen Bedürfnisse von Trennungskindern. Bedürfnisse, die sich erst vor dem Hintergrund ihres Alters, ihrer jeweiligen Entwicklungsphase verstehen lassen.

Andernfalls projizieren wir! Jawoll. Und wir erwarten, vermuten, fragen uns, wünschen von Herzen… kurzum: wir versuchen eine Situation mit aller Macht zu kontrollieren, weil uns  vorübergehend das Vertrauen in uns selbst und unsere Kindern abhanden gekommen ist. Auch das ist typisch für eine Elterntrennung.

Und genau das führt dieses Vorlesebuch leider fort.

Es geht um Gefühle und zwischen den Zeilen um das Diktat, uns „gut“ fühlen zu MÜSSEN, ganz so, als ob wir Eltern in der Lage sein müssten, mögliche Probleme mit einem Handstreich wegzuwischen. Wie anders soll ich denn eine Überschrift wie „Ich hoffe, wir finden das Hopsekind wieder“ sonst verstehen?

Ich verstehe und begrüße Inke Hummels Absicht, Trennungseltern mit den Kindern ins Gespräch zu bringen.  Das ist bestimmt gut gemeint, doch so, wie es dieses Buch versucht, ist das wenig hilfreich in dieser speziellen Krise.

Mir fehlen hier Informationen für Eltern, die entwicklungsbedingten Missverständnissen ihrer Kinder vorbeugen, die Eltern und Kinder ernstnehmen und sich mit einer Elterntrennung fundiert und differenziert auseinandersetzen, anstatt ihn mit „Heile, heile Segen“ bei Zitronenkeksen wegzupusten wie den Kratzer nach einem Sturz.

Im Gegensatz zu vielen ihrer anderen Bücher (Rezensionen demnächst auf dieser Website) … auf jeden Fall und aus vollem Herzen ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ fünf Sterne für ihren Humor.

Ups, meine Eltern leben in Trennung

Kategorie
Kinderbuch | Erschienen 2024

Sonja und die Ent-Scheidungsmütze

„Ein großartiger, kindgerechter Beitrag zur kindlichen Auseinandersetzung mit der Trennung ihrer Eltern, nicht nur für Trennungsfamilien, sondern ein Bilderbuch, das auch in jedem Kindergarten seinen Platz haben sollte!“

Das Bilderbuch „Sonja und die Entscheidungsmütze“ von Mans Gahrton und Johan Unenge, übersetzt aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch und jüngst im Carlsen Verlag erschienen, behandelt auf anrührende Weise treffsicher die Situation eines Trennungskindes.

Es setzt zeitlich da an, wo die Trennung der Eltern gerade vollzogen ist. Beim Vater sind noch nicht einmal alle Umzugskartons ausgepackt.

Als es kalt ist, bekommt Sonja von ihm eine Mütze, die ihm ihre Mutter gestrickt hat als sie noch ein Paar waren.

Das erscheint der Mutter so unzeitgemäß, dass sie Sonja eine neue Mütze schenkt. Vielleicht möchte sie auch nur nicht an diese Zeit erinnert werden. Sonja entscheidet sich, die alte Mütze zu tragen, wenn sie beim Vater ist und die neue, wenn sie bei der Mutter ist.

Die Mützen stehen für das Gefühl von Trennungskindern, sich dem Besuchsreglement und den Erwartungen des jeweiligen Elternteils anpassen zu müssen.

Wie die meisten Eltern gehen sich auch Sonjas Eltern zum Erzählzeitpunkt aus dem Weg. Der Kontakt zu Sonja ist reglementiert und lässt keinen Raum für Spontaneität, geschweige denn für die Familie, wie sie einmal war.

Erst als Sonja ausbricht und ohne Jacke und Mütze an einem eiskalten Winterabend zu ihrem Papa rennt, wird den Eltern bewusst, dass Sonja sie beide braucht. Von nun an kann Sonja frei auswählen, welche Mütze sie tragen will, gleichgütig, bei wem sie gerade ist.

Die dezent, kontrastreich und farbenfroh zugleich aquarellierten Illustrationen transportieren ausdrucksstark die von der Autorin zwischen den Zeilen angedeutete Stimmung der für Trennungskinder typischen Zerrissenheit und Unsicherheit zu Beginn einer Elterntrennung.

Wann immer sich die Gemüter in Diskussionen über Betreuungsmodelle erregen, sollten auch die Erwachsenen dieses Bilderbuch zur Hand nehmen, es hilft garantiert, den Blick auf die Kinder und ihre Gefühle zu lenken.

Ein großartiger, kindgerechter Beitrag zur kindlichen Auseinandersetzung mit der Trennung ihrer Eltern, nicht nur für Trennungsfamilien, sondern ein Bilderbuch, das auch in jedem Kindergarten seinen Platz haben sollte!

Sonja und die Ent-Scheidungsmütze

Kategorie
Bilderbuch | Erschienen 2022