Pferdemädchen
„Ich bin doch kein Baby mehr!“
Erwachsenes Trennungskind
„Ich war 16, als die Beziehung zu meiner Mutter einen echten Knacks bekommen hat.Damals war ich in der 10. Klasse und wünschte mir, genauso wie meine Freundin Desi, im Rahmen eines Schüleraustauschs ein Jahr in Kanada verbringen zu dürfen. Ich war ein Pferdemädchen und Kanada war da ein Traumland! Ich wünschte mir eine Pferdefamilie als Gastfamilie und hatte auch schon einen vielversprechenden Kontakt angebahnt. Meine Oma, die zwei Jahre zuvor gestorben war, hatte mir ein kleines Erbe hinterlassen, so dass auch die Finanzierung sichergestellt war. Mein Vater wollte den Flug bezahlen. Ich war happy!
Bis meine Mutter sich querstellte! Sie sollte bis zu meinem 18. Geburtstag mein Erbe verwalten und behauptete einfach mal so, dass Oma das Geld für mein Studium und nicht dafür vorgesehen hätte, dass ich meine Zeit im Ausland vertrödelte. „Vertrödelte“ hat sie gesagt – barsch und cool. Basta!
Ich war doch kein Baby mehr! Nachdem all meine Versuche, sie umzustimmen, ins Leere gelaufen waren, begann ich sie regelrecht zu hassen. Ich wollte sofort zu meinem Vater ziehen. Ich konnte diese Frau einfach nicht mehr ertragen, die mich wie ein kleines Mädchen behandelte und über meinen Kopf hinweg Entscheidungen traf, die mich und mein Leben betrafen, die sich nicht einmal meine Argumente anhörte, die keinen Hehl daraus machte, meine Pferde-Leidenschaft arrogant einfach mal so als kindliches Hobby abzuwerten! Auch mein Vater kam nicht an sie heran. Die beiden hatten seit der Trennung vor damals gut vier Jahren ohnehin kein gutes Verhältnis. Durch die Sache mit Omas Erbe kam es mir vor, als würde sie mit ihren Krakenarmen in allen Bereichen meines Lebens herumwühlen. Ich fühlte mich bevormundet, gegängelt, kontrolliert und eingesperrt. Es hat mich so verletzt, dass es nicht EIN Gespräch gegeben hat, in dem ich mich ernstgenommen, ja, wahrgenommen fühlte.
So machte ich ihr rückblickend das Leben zur Hölle. Jeder Scheiß war für mich ein Beweis für ihre Kälte und ihre Herrschsucht. Sehnsüchtig wartete ich auf meinen 18. Geburtstag, um dann direkt, noch am selben Tag zu meinem Vater zu ziehen. Mit ihm zusammen habe dann ich den ersehnten Kanada-Aufenthalt doch noch vorbereitet. Sobald ich die Schule abgeschlossen hatte, konnte es losgehen – und ehrlich: Es war die schönste Zeit meines Lebens! Viel schöner noch, als ich es mir vorgestellt hatte! Zu meiner Mutter hatte ich einige Zeit überhaupt keinen Kontakt mehr. Ich wollte sie nicht einmal beim Abi-Ball dabeihaben.
Nach etwa einem dreiviertel Jahr in Kanada bat sie mich um ein Gespräch via Skype. Es ging ihr schlecht, sie wirkte total verkrampft, und sie bat darum, mich besuchen zu dürfen. Als sie kam, erzählte sie mir, dass sie als Schülerin ihre beste Freundin nach einem Schüleraustausch verloren hatte. Die hatte sich während ihres Aufenthalts in einen Kanadier verliebt, den sie dann nach Beendigung der Schule geheiratet hatte und seitdem dort lebte. Als sie ihr erstes Kind erwartete, gab es Komplikationen in der Schwangerschaft, an denen sie schließlich verstorben war, nur weil der Weg ins nächste Krankenhaus zu weit gewesen war.
Zuhause, in Deutschland, wäre das nie passiert. Sie sagte, sie sei beherrscht gewesen von der Angst, mir könne dasselbe passieren und damit unfähig, sich meine Argumente überhaupt auch nur anzuhören. Nach meinem Weggang sei sie regelrecht zusammengebrochen und habe sich therapeutische Hilfe gesucht. Sie bereue es inzwischen zutiefst, dass sie da so autoritär entschieden habe und sehe, dass man mit einem 16jährigen Menschen nicht so umgehen dürfe. Ich habe ja nichts dafür gekonnt, dass sie dieses schreckliche Erlebnis hatte.
Ich spürte, dass sie es ernst meinte und das rührte mich sehr. Trotzdem brauchte ich Zeit, um das zu verdauen und ihr wieder zu vertrauen.“