Und wer zieht aus?!

Erst kommt das Fressen und dann die Moral

 
„Erst kommt das Fressen und dann die Moral“
Auch, wenn Maslow diese Aussage aus der Dreigroschenoper von Berthold Brecht etwas feiner und differenzierter macht, unterstreicht er doch auf wissenschaftliche Weise ihre Richtigkeit.
In seiner Bedürfnispyramide ordnet er die menschlichen Bedürfnisse in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit an. Fundamental sind da die körperlichen, existenziellen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf und ausreichend Schlaf. Erst, wenn diese Bedürfnisse befriedigt werden können, kann man sich Dingen wie der Sicherheit und schließlich sogar seiner Selbstverwirklichung widmen. Hier haben auch die explosiven Konflikte unter Trennungseltern ihre Wurzeln.
Konflikte, die sich zunächst zwangsläufig an der Existenzsicherung entzünden. Die Antwort auf Fragen wie:
- Wer zieht aus, und wer bleibt in der bis dahin gemeinsamen Wohnung?
- Wie hoch ist der Betrag, der beiden Erwachsenen und ihren gemeinsamen Kindern nunmehr zur Sicherung der Existenz verbleibt?
- Was geschieht mit den gemeinsamen Notreserven?
- Wer behält das Familienauto? ist existenziell!
Großartig, wenn es den Erwachsenen dann trotzdem gelingt, diese Konflikte unter sich oder mithilfe einer AnwältIn zu lösen!
Großartig, wenn Eltern erkennen können, dass Kinder grundsätzlich überfordert, ja, krank macht, wenn sie hier Partei ergreifen sollen!
Kinder müssen sich ohnehin mit den Folgen einer Trennung auseinandersetzen und arrangieren. Damit haben sie genug zu tun. Da müssen sie nicht auch noch den Druck verspüren, sich auf eine Seite schlagen zu müssen.
An der wirtschaftlichen Situation können Kinder nichts ändern. Mit dieser Realität müssen sie sich arrangieren, und das fällt ihnen um so leichter, desto sachlicher ihre Eltern ihnen diese Realität vermitteln. (s. auch 7. Sitzung in „Glückliche Trennungskinder?“)
— Ute Steffens
 

„Mit der Trennung stellte sich die Frage, wer in dem Haus bleibt und wer ausziehen muss.

Meine Schwiegereltern hatten eine erhebliche Summe zur Anschaffung beigesteuert, auch wenn das Haus uns nun offiziell beiden gehörte. Mein Ex-Mann betrachtet es als selbstverständlich, dass er dort bleiben und ich mir mit unseren zwei Kindern eine neue Bleibe suchen müsste.

Weil meine Kraft für eine gerichtliche und langwierige Auseinandersetzung damals nicht reichte, hatte ich eine hübsche Wohnung mit Garten gefunden. Als ich das den Kindern mitteilte, waren sie sauer und maulig. „Nur weil ihr euch streitet, sollen wir ausziehen?!“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „ Nun, zusammen können wir nicht länger wohnen, und eine/r muss dann doch ausziehen.“ Ich hatte erwartet, dass sie dann entrüstet sagen würden: „Aber dann kann doch Papa ausziehen, schließlich sind wir doch zu dritt!“

Mein Ex-Mann ist selbstständig und hatte im Keller Büroräume. Ich weiß nicht, ob es daran lag oder welche Gründe sonst die Kinder vom erwarteten Protest abgehalten haben.

Die Kleine war damals 5. Sie sollte dann im Einzugsgebiet der neuen Wohnung eingeschult werden, die Große kam auf´s einzige Gymnasium in unserer Kleinstadt, so dass der konkrete Wohnort keine Rolle spielte.

Nach diesem Protest wurde es zunächst einmal ruhig, aber ich merkte, dass es in den beiden arbeitete. Ihren Fragen während der folgenden Zeit entnahm ich, dass sie den Umzug nicht mehr infrage stellten. Als die Große dann irgendwann über Einrichtungsfragen nachdachte und feststellte, das neue Zimmer sei doch ein bisschen kleiner als das alte, da habe ich die Gelegenheit ergriffen, um zu sagen: „Es wird vermutlich so sein, dass wir uns insgesamt ein bisschen einschränken müssen, denn von unserem Familieneinkommen werden wir nun ja zwei Haushalte bezahlen müssen.“ Natürlich waren die beiden nicht begeistert – die Große moserte dann auch: „Mensch, wie blöd ist das denn: nur weil ihr euch trennen wollt, müssen wir darunter leiden!“ Sie war wütend und verließ türenknallend den Raum.

Ich habe es geschafft, sie gehen zu lassen. Bin ihr nicht hinterher und habe sie auch nicht getröstet, obwohl es mir das Herz brach und ich unglaublich traurig war.

„Es ist wie es ist!“ schoss es mir durch den Kopf. Das hatte ich in meiner Selbsthilfegruppe gelernt. Ich muss den Kindern auch ihren eigenen Ärger und ihre Traurigkeit zugestehen, denn Entschuldigungen oder ein schlechtes Gewissen ändern daran nichts.

Als wir an diesem Tag dann abends zusammen auf dem Sofa saßen, hab ich meine Große in den Arm genommen und ihr gesagt, dass ich auch traurig darüber bin, wie es gekommen ist. Das hat sich richtig angefühlt und aufrichtig. Wir waren uns sehr nah in diesem Augenblick.“

 
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