Zu mir oder zu dir…?
"Vielleicht ist es doch das Beste, wenn Lucy zu ihrer Mutter zurückgeht?“
Trennungsvater Wulf: „Seit einer Woche lebe ich nach einem Streit mit meiner Lebensgefährtin provisorisch mit meiner Tochter Lucy (11) in der Wohnung meines Bruders, der gerade im Urlaub ist. Lucy lag seit Wochen im Streit mit meiner neuen Partnerin, und vor einer Woche ist der dann der Kragen geplatzt. Sie hatte sich bis dahin wirklich viel Mühe gegeben, die Geduld nicht zu verlieren. Doch nun machte sie ihrem Ärger Luft. Ich stand hilflos dazwischen, und als Lucy zu weinen anfing nahm ich sie in den Arm und verließ mit ihr den Raum. Meine Partnerin ist jetzt stinksauer und verletzt. Sie fühlt sich von mir im Stich gelassen und sagt, dass das so für sie nicht weitergeht.
Jana, Lucys Mutter und ich, wir haben uns getrennt, als Lucy 5 war. Ich hatte regelmäßig Kontakt zu ihr, sie war an jedem zweiten Wochenende und die Hälfte der Ferien bei mir. Seit zwei Jahren erzählt sie mir, dass es viel Zoff mit ihrer Mutter gibt. Worum es dabei genau geht, weiß ich nicht. Wenn ich frage, zuckt Lucy mit den Achseln und verdreht die Augen. Jana ist schwierig, das weiß ich genau. Sie hat so ihre Prinzipien und darauf besteht sie. Ich vermute, es hat damit zu tun. Vor ein paar Monaten ist der Streit anscheinend so eskaliert, dass erst Lucy mir mitgeteilt hat, sie wolle lieber bei mir leben, und ein paar Tage später rief mich Jana wütend an, ich hätte es geschafft: Ich könne Lucy abholen.
Es war nicht möglich mit ihr zu reden. Es klang als hätte sie das Handtuch geworfen und würde nun mich dafür verantwortlich machen, dass ich Lucy quasi zu mir gelockt hätte. Nun, ihre Schule ist ziemlich in der Mitte zwischen unseren jetzigen Wohnorten. Das war also kein Problem. Genug Platz hatten wir auch. Lucy hat ohnehin schon ihr eigenes Zimmer – und durch Corona bin ich sehr viel im Home Office, so dass ich auch tagsüber für sie da bin. Also habe ich zugestimmt.
Jana war stocksauer. Wir konnten nicht miteinander sprechen. Ich glaube sie hat mir unterstellt, ich hätte Lucy gegen sie aufgehetzt. Und ehrlich: Irgendwas in mir hat auch triumphiert. So weit war sie nun gekommen mit ihren blöden Prinzipien, mit denen sie schon mich aus dem Haus getrieben hatte!
Doch nun bin ich echt ratlos, denn ich weiß echt nicht, was ich tun soll. Vielleicht ist es doch das Beste, wenn Lucy zu ihrer Mutter zurückgeht?“
Dazu schreibt Anna:
Selbst mir fällt auf, dass in dieser Familie offenbar viel zu wenig miteinander gesprochen wird. Es gibt viele Vermutungen und Unklarheiten.
Ich frage mich, warum sich Lucy und ihre Mutter nicht anders zu helfen wussten, als dass Lucy Hals über Kopf zu ihrem Vater zog.
Warum gab es keinen Austausch über diese Hintergründe? Warum gibt es kein Gespräch mit Lucy? Immerhin ist sie doch schon 11.
Ich wäre gern Mäuschen, wenn beide Eltern sich mit ihrer Tochter beraten! Wenn ich an meine gleichaltrige Tochter Maya denke, dann wäre die ganz schön zickig und widerspenstig, sobald sie das Gefühl hätte, Markus und ich würden ständig über ihren Kopf hinweg entscheiden.
„Da hat Anna den Nagel auf den Kopf getroffen, denn was hier für Außenstehende leicht erkennbar ist: In dieser Trennungsfamilie fehlt das Gespräch. Viele Konflikte in diesem sogenannten „mittleren Schulkindalter (9-13)“ sind auf einen Mangel an Kommunikation zurückzuführen. Kinder dieses Alters müssen sich der elterlichen Fürsorge widersetzen und für ihre Freiräume streiten. Eltern müssen sie in ihrer Tendenz zur Selbstüberschätzung ausbremsen, indem sie ihnen Grenzen setzen, um Schaden von ihnen abzuwenden. Da ist es natürlich gut, wenn es gelingt, darüber ins Gespräch zu kommen und Argumente auszutauschen.
Allein die Erfahrung, dass Eltern ihnen zuhören, sich für ihre Belange interessieren, auch wenn sie innerlich den Kopf über die für diese Altersgruppe so typische Selbstüberschätzung schütteln, stärkt das Vertrauen der Kinder in die Eltern und in sich selbst. Und es stärkt das Verantwortungsgefühl der Kinder, indem sie erfahren, dass sie zu einer akzeptablen Lösung beitragen können.
Beide Eltern sollten es zumindest versuchen, mit Lucy über deren Anliegen ins Gespräch zu kommen. Wünschen zu lauschen bedeutet noch nicht, sie auch zu erfüllen. Niemand muss sofort und auf der Stelle eine Entscheidung treffen. Auch Eltern haben das Recht auf eine Bedenkzeit.“