Wachsen fängt mit ‘Weh’ an

"So gesehen war mein damaliger Tiefpunkt auch ein Anfang.“

 

Anna berichtet:

Kurz nachdem mich Markus verlassen hat, haben mich Sprüche wie „Krise als Chance“ unglaublich aufgeregt.  „Was habt Ihr denn für eine Ahnung!“, dachte ich wütend. Auf diese „Chance“ kann ich nun wirklich gut verzichten!

Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass er stimmt.

Als wir uns für unsere Kinder entschieden haben, da waren wir jung und haben wenig über uns nachgedacht. Ich habe meine Ziele: Mann, Haus, Kind nicht hinterfragt. Mir hat es gereicht, angekommen zu sein, ein eigenes Zuhause zu gründen, eine Heimat, eine Familie.

Bis dahin ist bei mir vieles glatt gelaufen.

Ich habe gar nicht bemerkt, wie viele Kompromisse ich gemacht habe, um diese Familie am Laufen zu halten, wie wenig von mir und für mich übrigblieb. Es war klar, dass ich Markus mit seiner Selbstständigkeit und als Haupternährer den Rücken freihielt, indem ich die Familie organisiert und zusammengehalten habe. Dass ich mich als Person dabei nach und nach aus den Augen verlor, habe ich höchstens daran gemerkt, dass ich als Gesprächspartnerin für meinen Mann immer unattraktiver wurde.

Nur, mach das mal: Sei schillernd, bunt, attraktiv, kreativ und selbstbewusst, während du vom Job zur Kita und dann wieder in den Haushalt hetzt, Fahrgemeinschaften gründest, Kuchen und Salate für sportliche Kinder-Events zauberst, verzweifelt versuchst, den Monteur für die kaputte Waschmaschine an Land zu kriegen…und bei all dem das Gefühl hast, dass das alles eigentlich nicht zählt.

Uns ging es gut, und ich hatte das Gefühl, Markus dafür etwas schuldig zu sein. Also schluckte ich meine Unzufriedenheit, meinen Neid darauf, dass er sich auch persönlich weiterentwickeln durfte, runter… und wurde innerlich immer kleiner.

Als er mich dann wegen dieser Kollegin verließ, da war das dann auch noch der Todesstoß für meine übrig gebliebene Weiblichkeit.

So gesehen war mein damaliger Tiefpunkt auch ein Anfang.

Nicht nur für mich persönlich, sondern auch für mein Verhältnis zu unseren Kindern.

Ich musste, so albern das klingen mag, mich neu kennenlernen und lernen zu mir und meinen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen. Ich habe wieder mit dem Tanzen angefangen und bin nicht mehr sofort gesprungen, wenn die Kinder etwas von mir wollten. Sätze wie „Das besprechen wir später.“ fanden Eingang in meinen Sprachgebrauch.

Angefangen hat das alles damit, dass ich versuchte, mein Verhalten den Kindern gegenüber zu reflektieren. Nach und nach konnte ich unterscheiden, welches ihre Gefühle, ihre Sicht auf unsere Trennung waren und was meine.  Ich lernte die Unterschiede kennen und versuchte, denen mit meinem Verhalten Rechnung zu tragen. Unsere Liebesbeziehung war zu Ende, die der Kinder zu ihrem Vater nicht. So entwickelte ich ein Gespür für meine persönlichen Themen, meine Konflikte, indem mir klar wurde, dass diese in der Beziehung zu meinen Kindern nichts zu suchen hatten. Verrückt. Letztlich habe ich über diese Abgrenzung wieder zurück zu mir selbst gefunden.

Diesen verhassten Satz verstehe ich heute so, dass in einer Krise die Chance liegt, sich selbst kennenzulernen und zu wachsen. „Wachsen fängt mit Weh an“, sagte meine Oma immer.

 
Zurück
Zurück

Und wer zieht aus?!

Weiter
Weiter

Seifenblasen